Eine spezielle "Kulturführung" gab es am 26.7.2025 vom Konventikel Wiener Weinberge. Trotz Regenwetter hatten sich 19 Mitglieder und Gäste des St. Urbanus Weinritter Ordenskollegiums in der Wiener Innenstadt eingefunden, um sich mit Fremdenführerin Marie-Sophie Ioncheva auf die Spuren von Josefine Mutzenbacher und der Lust im alten Wien zu begeben und machten dabei manch überraschende Entdeckung.

Los ging's am Michaelerplatz, wo sich im Loos-Haus das berühmte Litratencafé Greensteidl befand. Aber nicht nur Literaten, Schaupieler und Journalisten verkehrten hier um die Jahrhundertwende, sondern hier war auch das "Arbeitsgebiet" von Wiens Dirnen, denn so mancher Kellner hat damals den Damen zahlungskräftige Kunden vermittelt. Es war gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Wien einen wahren Bauboom erlebte und zur Weltstadt aufstieg. Was auch das horizontale Gewerbe beflügelte, wie im Roman "Josefine Mutzenbacher" nachzulesen ist.

Der Autor dieser fiktiven Lebensgeschichte um die Mitte des 19. Jahrhunderts, die sich allerdings an zahlreichen wahren Geschichten und Erzählungen orientiert, ist niemand geringerer als der bekannte Journalist und Autor Felix Salten, der übrigens auch die berühmte Geschichte von "Bambi" geschrieben hat, die später durch die Verfilmung von Walt Disney Weltruhm erlangt hat. Die "Mutzenbacher" ist im Jahr 1906 erschienen und ist nicht nur eine erotische Schilderung, sondern auch eine Sittengeschichte des alten Wien.
"Wahrscheinlich stand genau gegenüber vom Greensteidl Wiens erstes Bordell", erzählt Marie-Sophie Ioncheva. "Denn hier am Michaelerplatz verlief zu Zeiten des römischen Vindobona die Limesstraße, und genau hier stand ein Gasthaus, wie man an der Malerei der Weinblätter an den römischen Ruinen sehen kann. Und Gasthäuser waren auch damals schon Orte des Vergnügens und der Freude." Noch heute sind die Malereien, an den Ausgrabungen zu sehen.

In der Neubadgasse stand im Mittelalter eines der größten und bekanntesten Weiner Badehäuser. "Damals badeten Männlein und Weiblein gemeinsam in großen Bottichen, aber zuvor wurden sie von den Bademägden und Badeknechten ordentlich gewaschen - damit man sich danach gemeinsam im Bade vergnügen konnte." Allerdings machte im 15. Jahrhundert die Syphilis dem lustigen Treiben ein jähes Ende, denn damals vermutete man die Ursache der Krankheit im Wasser, das durch das Aufweichen der Haut in den Körper eindrang und so die Krankheit auslöste. Ab sofort war dann Waschen gesundheitsgefährdend.

"Als 1521 Ferdinand von Spanien als Regent nach Wien kam, hat den katholisch erzogenen Monarchen das lockere Treiben schockiert - und er hat 1529 alle Bordelle verboten. Ein Verbot, das übrigens erst 2012 aufgehoben worden ist", wie Marie-Sophie Ioncheva erzählt. Doch über die Jahrhunderte war man immer wieder sehr erfinderisch, um sich dem käuflichen Vergnügen und der Lust hingeben zu können. Ob es die Schmiede waren, wo man die Pferde einstellte und sich in den Hinterzimmern beim "nageln" (wie etwa in der Naglergasse) vergnügte, oder ob es die Damenkleidersalons waren, wo ein Vogelkäfig ein einschlägiges Etablissement zum "vögeln" signalisierte, oder ob es die Clubs und Swingervereine der Neuzeit waren, immer wieder fand man Orte der Freude.
Und so entdeckten die Weinritter auch bei dieser Stadtführung wieder völlig neue Orte wie etwa das "Empfangshaus" in der Wallnerstraße 3 von Franz Stephan von Lothingen, dem Gemahl von Maria Theresia. "Von 1740 bis 1765 empfing er hier nicht nur Staatsgäste, sondern auch so manche Dame der Gesellschaft. Neben den 16 Kindern mit seiner Gattin war Franz Stephan war wohl einer der umtriebigsten Monarchen, denn seine unehelichen Kinder übertrafen die ehelichen bei Weitem."

Beim abschließenden Essen und Trinken im Zwölfapostelkeller wurde die erotische Entdeckungsreise durch das alte Wien dann noch ausführlich weiter besprochen. Und so fand trotz Schlechtwetters ein vergnüglicher Spaziergang ein lustvolles Ende.
Text und Fotos: Christian Stöger
