Ins 18. und 19. Jahrhundert nahm Fremdenführerin Marie-Sophie Ioncheva am 14.6.2025 eine Gruppe Weinritter mit, und zwar auf den Wiener Spittelberg im heutigen 7. Bezirk. Damals war das die Vorstadt mit einer Gaststätte in jedem zweiten Haus, wo man sich bei Wein und Geselligkeit einfand. "Wo der Wein war, war auch der Gesang - und das Weib war dann auch nicht weit", wie Frau Ioncheva erzählte.

Wer kennt ihn nicht, den Spittelberg im 7. Wiener Gemeindebezirk? Und sei es nur vom stimmungsvollen jährlichen Christkindlmarkt. Doch weniger weiß man über die bewegte Geschichte dieses Grätzls, das bei den 400 Meter langen kaiserlichen Hofstallungen an der heutigen Zweierline, dem nunmehrigen Museumsquartier beginnt. Wo heute Klassiker von Schiele und Klimt sowie zeitgenössige Kunst präsentiert werden, waren früher 600 Pferde und 300 Kutschen untergebracht. Und gleich dahinter erhob sich der Spitalsberg mit dem Bürgerspital, wovon der Name Spittelberg kommt.

Bei der zweiten Türkenbelagerung 1683 wurde hier alles zerstört, in der heutigen Burggasse bei der Kirche St. Ullrich befand sich die Aussichtsplattform, wo Heerführer Kara Mustafa auf die Innenstadt blickte. Doch als die Türken besiegt waren, begann die "große" Zeit des Spittelbergs. Handwerker, Gastronomiebetriebe und Künstler siedelten sich in den neuen Häusern an, und bald entstand hier ein Vergnügungsviertel, das vom Adel bis zum Taglöhner alle anzog. Vor allem wegen der sogenannten Schnepfen (Prostituierten), die sich vor den Gasthäusern ungeniert zur Schau stellten und um Kunden warben.

"Josef II. wollte die damalige Volkskrankheit Syphilis, die vor allem am Spittelberg krassierte, eindämmen", erzählte Marie-Sophie Iontcheva. "Er ließ die Damen verpflichtend im Bürgerspital untersuchen, doch alle Maßnahmen wie auch das Servierverbot für weibliches Personal, nützen nichts. Die als Servierpersonal "angestellten" Damen wurden flugs zu "Tänzerinnen" umfunktioniert, und das lustige Treiben ging munter weiter." Dieses Servierverbot für weibliche Angestellte wirkte übrigens bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts nach - denn so lange gab es in den Wiener Kaffee- und Gasthäusern nur Ober und Kellner.

Hier am Spittelberg war auch der Dudelsackspieler Augustin Mark, besser bekannt als "der liebe Augustin", unterwegs. Und bis heute erinnert das Theater am Spittelberg daran, dass hier früher Wandertruppen auf den Plätzen und in den Wirtshäusern spielten. "Das letzte Bordell, die Maison Kieninger, gab es in der Gutenberggasse 23 noch bis zum 2. Weltkrieg, doch die Hochzeit des Rotlichtviertels Spittelberg war eigentlich mit dem Ende der Monarchie vorbei", so Fremdenführerein Iontcheva.

Heute erinnern die alten Häuser, die durch eine Bürgerinitiative in den 1960er Jahren vor dem Abriss gerettet worden waren, an diese Zeit. Wo etwa im Gatshaus "Steinerner Löwe", heute die "Witwe Bolte", im Jahr 1778 Kaiser Josef II., der sich hier inkognito von den Vorkommnissen selbst ein Bild machen wollte, aber magels Barmittel seine Zeche (und wie Gerüchte meinen auch seine Aktivitäten im Hinterzimmer) nicht bezahlen konnte, hinausgeworfen worden war. Bis heute gibt es hier im Lokal das Schild, auf dem steht: "Durch dieses Tor im Bogen, ist Kaiser Josef geflogen."

Viele solcher Geschichten, einige Blicke in verborgene Hinter- und Innenhöfe erfuhren die Weinritter in der vom Konventikel Wiener Weinberge organisierten Statdführung, die im Plutzer Bräu beim Mittagessen und weiteren angeregten Gespräche ihrem Abschluss fand.
Text und Fotos: Christian Stöger
