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Das alte AKH: Richtungsweisend in Medizin und Forschung

Das kulturelle Angebot des Konventikels Wiener Weinberge zum 7. Wiener Stadtspaziergang nützten am Sonntag, den 9.10.2022 elf Mitglieder des St. Urbanus Weinritter Ordenskollegiums. Diesmal führte Bibiane Krapfenbauer ins alte AKH, dem ersten Großkrankenhaus der Welt, dessen Ursprung bis zur Türkenbelagerung 1683 zurückreicht. Als Leopold I. in der noch heute so benannten Lazarettgasse im 9. Wiener Gemeindebezirk ein Spital für die Verwundeten der Türkenbelagerung errichten ließ. Wir erfuhren viel über Wien als Welt-Zentrum von Wissenschaft und  Medizin, bis die Zeit der Nazi-Diktatur diesem ein jähes Ende setzte.

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Es war allerdings Josef II., der das Lazarett großzügig zum Volksspital am damaligen Rande der Stadt umgestalten ließ, dessen Kosten er aus seinem eigenen Privatvermögen trug. Am 16. August 1784 wurde das Wiener Allgemeine Krankenhaus eröffnet, dessen heutige Gebäude noch aus dieser Zeit stammen. Damals hat man hier auch die medizinisch-chirurgische praktische Lehrschule mit 24 Betten untergebracht. Aus ihr sind nachmals die Universitätskliniken hervorgegangen. Das AKH, wie es bald genannt wurde, war aber nicht nur Krankenhaus, sondern auch medizinische Schul- und Forschungsstätte. Und auch eine Sozialeinrichtung zur Unterbringung von Kriegswitwen, Waisen, Armen und Obdachlosen.

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 Das AKH Wien unter Josef II. manifestierte den Fortschrittsdrang des 18. Jahrhunderts, die medizinische Entwicklung weg von Zauberei und Okkultismus wie etwa Vampirismus hin zur Wissenschaft, zur medizinischen Lehre und dass Krankheiten Ursachen haben, die nichts mit Zauberei zu tun haben. So begann bereits unter Maria Theresia die Investition in medizinische Forschung, wie auch in die allgemeine Bildung, Stichwort Schulpflicht. Was ihr Sohn, Josef II., fortsetzte. So hatte im AKH etwa jeder Kranke auch sein eigenes Bett, bis dahin ein Novum. 2.200 waren das damals.

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1875 wurde das Wiener Hochquellenwasser ins AKH eingeleitet, was eine enorme Verbesserung der Hygienemaßnahmen bedeutete. Denn zuvor hatte man das Wasser aus dem nahen Alserbach verwendet. Es war hier auch Dr. Ignaz Semmelweis, der das damals häufigere Auftreten von Kindbettfieber im AKH auf mangelnde Hygiene bei Ärzten und Krankenhauspersonal zurückführte und sich bemühte, Hygienevorschriften einzuführen. Seine Studie aus dem Jahr 1847 gilt heute als erster praktischer Fall von evidenzbasierter Medizin in Österreich und als Musterbeispiel für eine methodisch korrekte Überprüfung wissenschaftlicher Hypothesen. Dennoch wurden seine Erkenntnisse von Kollegen als „spekulativer Unfug“ abgelehnt, da Hygiene als Zeitverschwendung und unvereinbar mit den damals geltenden Theorien über Krankheitsursachen angesehen wurde. So endete Dr. Semmelweis schließlich in der Landesirrenanstalt Döbling, wo er 1865 mit nur 47 Jahren unter ungeklärten Umständen verstarb. 

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Die führende Rolle des AKH Wien in der Medizin unterstreicht auch die Tatsache, dass hier bereits 1812 von Georg Josef Beer die erste Augenklinik der Welt gegründet worden war. Und der Arzt Dr. Karl Koller, von seinen Freund Sigmund Freud auf die Oberflächenbetäubung durch Cocain hingewiesen, hatte den genialen Gedanken, eine 2%ige Cocainlösung zur Schmerzausschaltung bei Augenkrankheiten und Augenoperationen einzusetzen. Womit der damals 27jährige Koller zum Begründer der Lokalanästhesie wurde. 

Aber auch die erste Hautklinik im deutschen Sprachraum wurde hier von Ferdinand Ritter von Hebra um die Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet. Damals gab es die Dermatologie an sich noch nicht, die Erkrankungserscheinungen an der Haut wurden von Internisten mitbehandelt. Im Wiener Allgemeinen Krankenhaus übernahm er aber – als erster Ordinarius für Dermatologie in Österreich überhaupt – mit nur 29 Jahren die Abteilung für Hautkrankheiten und entwickelte hier eine neue Terminologie und neue Therapieformen. 

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Berühmt war auch der unter Josef II. errichtete sogenannte "Narrenturm", die erste Behandlungseinrichtung für psychisch Kranke überhaupt. Bis dahin hatte man "Besessene", wie man sie nannte, nicht als Kranke angesehen und sie sehr oft in unwegsamen Waldgebieten (z.B. Dunkelsteiner Wald) einfach ausgesetzt. Nun wurden sie in dem fünfstöckigen Gebäude in 129 Zellen untergebracht und mit heute durchaus fragwürdigen Methoden "behandelt". Aber man erkannte geistige Erkrankungen, nahm sich ihrer an und versuchte, die Ursachen zu erforschen und die psychischen Krankheiten zu heilen. Eine unglaubliche Entwicklung der Medizin.

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1991 zogen die medizinischen Einrichtungen des Krankenhauses hier aus und machten den verschiedensten Universitätsinstituten Platz, die nach großzügen Umbauarbeiten das Gelände seither als Wissenschaftscampus nützen. Während unseres eineinhalbstündigen Rundganges erfuhren wir noch so manche interessante Anekdote aus der Geschichte dieser ehrwürdigen Gebäude und jener Menschen, die hier im Dienste der Allgemeinheit tätig waren. Bis durch die Übernahme der Nazis und der damit einhergehenden Vertreibung und Ermordung der jüdischen Ärzte der medizinischen Forschung ein jähes Ende bereitet wurde. Und Wien als wissenschaftlich-medizinisches Zentrum für Jahrzehnte in die Bedeutungslosigkeit abglitt. Von dieser Geringschätzung der Wissenschaft hat sich das Land lange nicht erholt, und sogar bis heute ist eine Wissenschaftsskepsis der Bevölkerung im Vergleich zu anderen Ländern Europas festzustellen.

Text und Fotos: Christian Stöger

 

 

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