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Friedhof der Superreichen

"Es ist der altjüdische Geldadel, der hier begraben liegt. Die Reichsten der Reichen", erklärt Stadtführer Wolfgang Horak am Samstag, den 2.7.2022 bei der Führung des Konventikels Wiener Weinberge durch den alten jüdischen Friedhof am Wiener Zentralfriedhof. 1874 wurde der Zentralfriedhof angelegt, 10% der Fläche, also rund 260.000 m2, wurden von der jüdischen Gemeinde um 80.000 Gulden (entspricht heute etwa € 420.000,-) für die Bestattung ihrer Toten gekauft. Denn im jüdischen Glauben gehört der Boden dem Verstorbenen, am katholischen Friedhof sind die Gräber nur auf Zeit "gemietet". 

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In den Jahren 1850 bis 1910 ist die Stadt Wien förmlich explodiert, zählte 2 Mio. Einwohner. Aus allen Kronländern kamen sie in die Reichshauptstadt, die von Kaiser Franz Josef völlig neu aufgebaut wurde. 75% des "alten Wien" wurden abgerissen, um Platz für breite Straßen, Boulevards (die Ringstraße), gesäumt von Prunkbauten und Palais, zu schaffen. Und so kamen auch reiche Juden, Bankiers und Geschäftsleute, aus ganz Europa nach Wien. Und wurden hier auch am Jüdischen Zentralfriedhof beerdigt. Viele von ihnen wurden während der Naziherrschaft ermordet, ihre Besitztümer wurden entweder beschlagnamt und "arisiert" oder den Erben abgepresst. Eines der unrühmlichsten Kapitel der österreichischen Geschichte, von dem hier zahlreiche Gräber heute größtenteils nur mehr stummes Zeugnis ablegen.

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Wie etwa das Grabmal der Familie Gutmann. Die  hatten Kohle, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. In Zusammenarbeit mit den Rothschilds bauten sie das größte Kohlenimperium in der Monarchie auf. Wilhelm Ritter von Gutmann war so zu enormem Reichtum gelangt, und weil er finanziell auch den Kaiser unterstützt hat, hat ihn dieser in den Adelsstand erhoben. 1910 zählten vier Familienmitglieder zu den ersten zehn Millionären Wiens. Bis heute sind sie große Mäzene: die Sponsorentafel in der Kunstkammer des KHM nennt sie als ersten Namen. Ihre Bank befindet sich am Schwarzenberplatz. Wilhelm lebte von 1826 bis 1895, sein Vermögen würde in heutiger Währung etwa 600 Mio. Euro betragen. Seine Tochter Elsa heiratete 1929 den regierenden Fürsten Franz I. von und zu Liechtenstein und wurde so zu Fürstin Elsa von und zu Liechtenstein.

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Oder Sigmund Basel. Der in Wien geborene Textilkaufmann jüdischer Herkunft arbeitete sich während des Ersten Weltkriegs zum größten Heereslieferanten hoch. Während der Nachkriegsinflation bewahrte und vergrößerte Bosel durch gewagte Börsengeschäfte sein Vermögen, übernahm 1923 die Union-Bank und wurde kurzfristig zu einem der reichsten Männer des Landes. 1925 hatte er allerdings starke Verluste durch Fehlspekulationen hinzunehmen und riss beinahe auch die Postsparkasse, die Bosels Abenteuer finanziert hatte, mit in den Abgrund. Ein großer Teil dieser Schuld wurde ihm 1933 durch Finanzminister Karl Buresch erlassen. Nach dem Anschluss wurde Bosel als Jude verfolgt. Die gesamte Einrichtung seiner Villa in Wien-Hietzing (Gloriettegasse 17–19) wurde auf Anordnung des Exekutionsgerichtes am 14. und 15. Juli 1938 im Wiener Dorotheum versteigert. Anlässlich der Deportation der Wiener Juden nach Riga soll der SS-Führer Alois Brunner Bosel im Februar 1942 erschossen haben.

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Oder das Grabmal der Familie Springer, die mit Presshefe (Germ) zu großem Reichtum gelangt waren. Fabriken in Wien, Brünn und Paris gehörten ihnen, wovon lediglich die Fabrik in Paris bis heute erhalten blieb und bis heute Weißgebäck mit Germ erzeugt. In Wien und Brünn wurde von den Nazis alles beschlagnahmt, so auch das sogenannte "Springer-Schlössl" in Wien-Meidling, in dem sich heute die politische Akademie der ÖVP befindet.

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Nicht fehlen dürfen da auch die reichen und bekannten jüdischen Familien Ephrussi, Thorsch und Rothschild. Ignaz Ephrussi war 1850 von Odessa nach Wien gekommen, machte im Brückenbau und mit seiner Bank ein Vermögen. Otto Wagner errichtete das Familienpalais auf der Ringstraße gegenüber der Votivkirche (heute Casinos Austria). Die Familie wurde von den Nazis enteignet und ermordet, Österreich hat die Erben nie restituiert. Vielmehr ist das Palais 2009 um 30 Mio. € verkauft worden. Die Thorsch waren aus Prag nach Wien gekommen, mit Zucker und Schafwolle reich geworden und 1938 nach Kanada geflohen. Ihr gesamter Besitz wurde beschlagnahmt, darunter auch das Palais Bratmann, in dem sich heute die chinesische Botschaft befindet. Ähnlich erging es dem österreichischen Zweig der Familie Rothschild. 1774 war die Familie in Frankfurt von Anselm Rothschild gegründet worden (stammt aus dem Haus mit dem roten Schild) und schickte seine fünf Söhne, symbolisiert durch 5 Pfeile am Grabmal, in die Welt. Einen davon nach Wien: Salomon von Rothschild. Er wurde Bankier des österreichischen Staatskanzlers Metternich und stieg schnell zu einem der führenden Unternehmer Österreichs auf. 1938 nahm die Gestapo seinen Sohn, Louis Rothschild, fest und hielt ihn ein Jahr lang als Geisel, um den Rothschilds ihr gesamtes Vermögen abzupressen. Ihre Wiener Palais wurden zerstört und geplündert. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde zwar ein Teil ihres geraubten Vermögens restituiert, doch mussten sie wesentliche Gemälde an österreichische Museen „widmen“. Die Restitution zieht sich bis heute.

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Aber es gibt auch zahlreiche Gräber, die Zeugnis von erfolgreichen Schriftgelehrten wie Salomon Sulzer ablegen, einem Freund von Schubert und DER jüdische Prediger in Wien der damaligen Zeit. Oder Dr. Adolf Fischhof, ein Freiheitskämpfer und einer der Urheber der Revolution von 1848. Oder Dr. Adolf Jellinek, ein jüdischer Gelehrter, dessen Sohn Emil einen Motor erfindet, den er nach seiner Tochter Mercedes benennt. Das Patent dazu verkauft er an einen gewissen Benz, und seither ist Mercedes Benz weltweit ein Begriff.

Aber es gibt auch die Literaten wie Arthur Schnitzler (1862-1931), dessen Werke wie "Anatol", "Der Reigen", "Leutnant Gustl" und "Professor Bernardi" durchaus autobiografische Züge haben. Hat Schnitzler doch bereits mit 13 Jahren Tagebücher seiner amourösen Abenteuer verfasst, von denen der Frauenschwarm hunderte zu Buche stehen hat. Oder Friedrich Torberg (1908-1979), der mit seinen Romanen "Der Schüler Gerber", "Die Strudelhofstiege" oder die "Tante Jolesch" zum österreichischen Kulturgut wurde. Er ist übrigens einer der wenigen, die nach der Schließung des alten jüdischen Friedhofes 1919 noch hier bestattet wurde. Ebenso wie Gerhard Bronner (1922-2007), Autor, Musiker und Kabarettist, der zusammen mit Karl Farkas 1955 das Kabarett "Simpl" in Wien gegründet hat und mit Liedern wie "Der g'schupfte Ferdl" und "Da Wüde" Kulturgeschichte geschrieben hat. Und mit "Wie a Glock'n", gesungen von Marianne Mendt, einen der ersten Songs des sogenannten Austropop geschrieben und komponiert hat. 

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Viele Geschichten, Schicksale und Anekdoten aus dem sowohl erfolgreichen wie auch oft tragischem Leben der Wiener Juden wurden Dank Wolfgang Horak für drei Stunden wieder lebendig. Und man darf darüber nachdenken, was wohl gewesen wäre, hätten die Nazionalsozialisten nicht dieses jüdische Leben in Wien fast vollständig ausgelöscht oder zur Flucht gezwungen. Welchen Stellenwert hätte Wien wohl heute mit all seinen jüdischen Ärzten, Literaten, Künstlern, Unternehmern und Bankiers, mit all seinen Mäzenen und Kunstliebhabern und mit all seinem vielleicht nach wie vor intakten reichen jüdischen Gesellschaftsleben, wie es 1938 so abrupt, grausam und brutal beendet worden war. 

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Text und Fotos: Christian Stöger

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